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Basler Zeitung, 10/10/2003 (Frontseite)

Krieger Sharon provoziert

Von Heiko Flottau, Kairo

Droht im Nahen Osten wieder Krieg? Die Frage stellt sich seit Israels Angriff auf ein Ziel in Syrien. Dem in der Terrorbekämpfung erfolglosen Premier Sharon könnte eine Konfliktausweitung gelegen kommen.

Mit seinem Angriff auf Syrien hat Israel eine neue Runde im über einhundert Jahre alten Konflikt zwischen Arabern und Juden eröffnet. Ob sich aus der Bombardierung eines offenbar bedeutungslosen Palästinenser-«Lagers» ein neuer Nahostkrieg entwickelt, wird allerdings nicht in Damaskus, sondern in Jerusalem und Washington beschlossen. Die Entscheidung hängt weitgehend von der Antwort auf eine einzige Frage ab: Passt ein neuer Krieg in das tagespolitische und in das strategische Konzept der die Region regierenden Herren, passt ein Krieg in das Konzept von George W. Bush und Ariel Sharon? Der israelische Ministerpräsident befindet sich in einer Sackgasse. Er ist mit dem Versprechen angetreten, eine dem Staat Israel von Geburt an innewohnende Phobie endgültig zu besiegen: stets in Angst vor einer feindlichen Umgebung leben zu müssen. Diese Angst ist insofern angeboren, als die zionistischen Siedler, wie einst die europäischen Siedler in Amerika, nicht in ein menschenleeres Land kamen, sondern sich Einwohnern gegenüber sahen, welche einzelne Einwanderer zwar begrüssten, die Übernahme ihres Landes durch die Immigranten aber ganz und gar nicht tolerieren wollten. Zur Staatsdoktrin Israels gehörte es deshalb von Beginn an, militärisch mindestens doppelt so stark zu sein wie die arabischen Nachbarn zusammen. Doch Sharon hat in den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit dem Land keine Sicherheit gebracht. Zwar könnte die israelische Armee alle Nachbarn ohne allzu grosse Mühe besiegen. Aber gegen die Terroranschläge von Hamas und Jihad hat Israel trotz Mauerbaus und Ermordung vieler Hamas- und Jihad-Führer kein Mittel gefunden. Sharon gehen die Ziele aus.

Wie man einen Krieg provoziert

Der Angriff auf Syrien kann als erster Versuch gewertet werden, vom Versagen zu Hause abzulenken und in der Ausweitung des Konflikts eine Entlastung an der Heimatfront zu finden. Ob Bush die von ihm eingeleitete Politik des Regimewechsels in Syrien fortsetzen will, indem er Sharon grünes Licht zum Marsch auf Damaskus gibt, ist derzeit wohl eher zweifelhaft. Seine Politik ist im Irak völlig festgefahren, seine Popularitätskurve zeigt nach unten, ein neuer Nahostkrieg könnte ihn womöglich noch tiefer in den nahöstlichen Treibsand einsinken lassen. Falls Sharon und mit ihm Bush dennoch den Konflikt auf Syrien ausweiten sollten, läge reichlich Erfahrungsmaterial vor, wie man einen solchen Krieg provoziert. Zum Beispiel: Entgegen allen anders lautenden Meinungen war der Junikrieg von 1967 kein Angriffskrieg der Araber oder des damaligen ägyptischen Herrschers Gamal Abdel Nasser. Vielmehr wurde er bewusst von Israel herbeigeführt, wie der renommierte israelische Historiker Avi Shlaim nachgewiesen hat. Kein anderer als der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan hat, so dokumentiert Shlaim, in einem posthum veröffentlichten Interview enthüllt, wie man Syrien in den Monaten vor dem Junikrieg provoziert habe. Man habe immer wieder israelische Traktoren in das entmilitarisierte Gebiet auf den (damals noch syrischen) Golanhöhen geschickt – in der Erwartung, dass die Syrer auf die «friedlichen Bauern» das Feuer eröffnen würden. Nachdem sich die Syrer tatsächlich hatten provozieren lassen, habe man, so Dayan, der Weltpresse diese Vorfälle als «syrische Provokationen» verkauft. In der Situation, die nach dem jüngsten israelischen Angriff auf Syrien – dem ersten seit dreissig Jahren – entstanden ist, stellt sich also nicht die Frage, wie schnell Israel einen Kriegsgrund konstruieren könnte. Die Frage vielmehr besteht darin, ob Israel durch Sharon in eine solch ausweglose Lage manövriert wird, dass es im Krieg einen Ausweg aus dem Dilemma sucht. Seine Autobiografie hat Sharon mit «Warrior», Krieger, betitelt. Krieg ist über Jahrzehnte jenes Medium gewesen und geblieben, in dem sich der vom General zum Ministerpräsidenten gewordene Sharon wohl fühlt. Seit 1953, als er in dem damaligen jordanischen Ort Qibia als Vergeltung für einen palästinensischen Terroranschlag fast 60 Menschen tötete, gibt Sharon vor, nur seine Art der Terrorbekämpfung sei erfolgreich. Heute, fünfzig Jahre später, ist er mit dieser Politik keinen einzigen Schritt weitergekommen.

Eine neue Art von Parität

Und Syrien? Unter dem im Jahre 2000 verstorbenen Präsidenten Hafez al-Assad suchte Syrien «strategische Parität» mit Israel. Syrien wollte Israel nicht angreifen, aber durch den Aufbau einer starken Armee Israel an einem weiteren Angriff auf Syrien hindern. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Assad-Traum von der strategischen Parität ausgeträumt. Kann es, fragen in diesen Tagen arabische Kommentatoren, eine neue Art von Parität geben? Eine, die durch eine engere Kooperation Syriens mit der libanesischen Hizbollah und palästinensischen Widerstandsgruppen geschaffen wird? Eine solche Strategie, schreibt die jordanische Zeitung «Al- Dustur», sei vom syrischen Aussenminister Faruk as-Sharaa nach dem israelischen Angriff vom Montag in die Diskussion gebracht worden. Sollten sich die Überlegungen konkretisieren, hätte Sharon womöglich seinen Kriegsgrund, weil gemäss der israelischen Staatsdoktrin kein arabisches Land ähnlich stark sein darf wie Israel selbst. Dem Nahen Osten würde in diesem Fall ein neuer Präventivkrieg drohen. An die einfachste Lösung des Konflikts denkt derzeit zumindest in der israelischen Regierung niemand: Einstellung des Siedlungsbaus, Verhandlungen mit dem Ziel der Beendigung der seit mehr als 36 Jahren andauernden Besetzung palästinensischer Gebiete.

 



 

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