Mit seinem Angriff auf Syrien hat Israel eine
neue Runde im über einhundert Jahre alten Konflikt zwischen
Arabern und Juden eröffnet. Ob sich aus der Bombardierung eines
offenbar bedeutungslosen Palästinenser-«Lagers» ein neuer
Nahostkrieg entwickelt, wird allerdings nicht in Damaskus,
sondern in Jerusalem und Washington beschlossen. Die
Entscheidung hängt weitgehend von der Antwort auf eine einzige
Frage ab: Passt ein neuer Krieg in das tagespolitische und in
das strategische Konzept der die Region regierenden Herren,
passt ein Krieg in das Konzept von George W. Bush und Ariel
Sharon? Der israelische
Ministerpräsident befindet sich in einer Sackgasse. Er ist mit
dem Versprechen angetreten, eine dem Staat Israel von Geburt an
innewohnende Phobie endgültig zu besiegen: stets in Angst vor
einer feindlichen Umgebung leben zu müssen. Diese Angst ist
insofern angeboren, als die zionistischen Siedler, wie einst die
europäischen Siedler in Amerika, nicht in ein menschenleeres
Land kamen, sondern sich Einwohnern gegenüber sahen, welche
einzelne Einwanderer zwar begrüssten, die Übernahme ihres Landes
durch die Immigranten aber ganz und gar nicht tolerieren
wollten. Zur Staatsdoktrin Israels gehörte es deshalb von Beginn
an, militärisch mindestens doppelt so stark zu sein wie die
arabischen Nachbarn zusammen. Doch Sharon hat in den zweieinhalb
Jahren seiner Amtszeit dem Land keine Sicherheit gebracht. Zwar
könnte die israelische Armee alle Nachbarn ohne allzu grosse
Mühe besiegen. Aber gegen die Terroranschläge von Hamas und
Jihad hat Israel trotz Mauerbaus und Ermordung vieler Hamas- und
Jihad-Führer kein Mittel gefunden. Sharon gehen die Ziele aus.
Wie man einen Krieg provoziert
Der Angriff auf Syrien kann als erster
Versuch gewertet werden, vom Versagen zu Hause abzulenken und in
der Ausweitung des Konflikts eine Entlastung an der Heimatfront
zu finden. Ob Bush die von ihm eingeleitete Politik
des Regimewechsels in Syrien fortsetzen will, indem er Sharon
grünes Licht zum Marsch auf Damaskus gibt, ist derzeit wohl eher
zweifelhaft. Seine Politik ist im Irak völlig festgefahren,
seine Popularitätskurve zeigt nach unten, ein neuer Nahostkrieg
könnte ihn womöglich noch tiefer in den nahöstlichen Treibsand
einsinken lassen. Falls Sharon und mit ihm Bush
dennoch den Konflikt auf Syrien ausweiten
sollten, läge reichlich Erfahrungsmaterial
vor, wie man einen solchen
Krieg provoziert. Zum Beispiel:
Entgegen allen anders lautenden Meinungen
war der Junikrieg von 1967 kein
Angriffskrieg der Araber oder des damaligen
ägyptischen Herrschers Gamal
Abdel Nasser. Vielmehr wurde er bewusst
von Israel herbeigeführt, wie der
renommierte israelische Historiker Avi
Shlaim nachgewiesen hat.
Kein anderer als der damalige Verteidigungsminister
Moshe Dayan hat,
so dokumentiert Shlaim, in einem
posthum veröffentlichten Interview
enthüllt, wie man Syrien in den Monaten
vor dem Junikrieg provoziert habe.
Man habe immer wieder israelische
Traktoren in das entmilitarisierte Gebiet
auf den (damals noch syrischen)
Golanhöhen geschickt – in der Erwartung,
dass die Syrer auf die «friedlichen
Bauern» das Feuer eröffnen würden.
Nachdem sich die Syrer tatsächlich hatten
provozieren lassen, habe man, so
Dayan, der Weltpresse diese Vorfälle
als «syrische Provokationen» verkauft.
In der Situation, die nach dem
jüngsten israelischen Angriff auf Syrien
– dem ersten seit dreissig Jahren – entstanden
ist, stellt sich also nicht die Frage,
wie schnell Israel einen Kriegsgrund
konstruieren könnte. Die Frage vielmehr
besteht darin, ob Israel durch
Sharon in eine solch ausweglose Lage
manövriert wird, dass es im Krieg einen
Ausweg aus dem Dilemma sucht.
Seine Autobiografie hat Sharon
mit «Warrior», Krieger, betitelt. Krieg ist über Jahrzehnte
jenes Medium gewesen
und geblieben, in dem sich der
vom General zum Ministerpräsidenten
gewordene Sharon wohl fühlt. Seit
1953, als er in dem damaligen jordanischen
Ort Qibia als Vergeltung für einen
palästinensischen Terroranschlag
fast 60 Menschen tötete, gibt Sharon
vor, nur seine Art der Terrorbekämpfung
sei erfolgreich. Heute, fünfzig Jahre
später, ist er mit dieser Politik keinen
einzigen Schritt weitergekommen.
Eine neue Art von Parität
Und
Syrien? Unter dem im Jahre
2000 verstorbenen Präsidenten Hafez
al-Assad suchte Syrien «strategische
Parität» mit Israel. Syrien wollte Israel
nicht angreifen, aber durch den Aufbau
einer starken Armee Israel an einem
weiteren Angriff auf Syrien hindern.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion
war der Assad-Traum von der
strategischen Parität ausgeträumt.
Kann es, fragen in diesen Tagen arabische
Kommentatoren, eine neue Art
von Parität geben? Eine, die durch eine
engere Kooperation Syriens mit der libanesischen
Hizbollah und palästinensischen
Widerstandsgruppen geschaffen
wird? Eine solche Strategie,
schreibt die jordanische Zeitung «Al-
Dustur», sei vom syrischen Aussenminister
Faruk as-Sharaa nach dem israelischen Angriff vom Montag in die
Diskussion gebracht worden. Sollten
sich die Überlegungen konkretisieren,
hätte Sharon womöglich seinen Kriegsgrund,
weil gemäss der israelischen
Staatsdoktrin kein arabisches Land
ähnlich stark sein darf wie Israel selbst.
Dem Nahen Osten würde in diesem Fall
ein neuer Präventivkrieg drohen.
An die einfachste Lösung des Konflikts
denkt derzeit zumindest in der israelischen
Regierung niemand: Einstellung
des Siedlungsbaus, Verhandlungen
mit dem Ziel der Beendigung der seit
mehr als 36 Jahren andauernden Besetzung
palästinensischer Gebiete.